First Principles

Warum Sie immer beschäftigt sind.

Die verborgene Geschichte der gestohlenen Zeit — und was sie ausgerechnet im Zeitalter der künstlichen Intelligenz bedeutet.

Essay Lesezeit etwa 8 Minuten Wolfgang Renz

Beinahe jedes Gerät um Sie herum wurde erdacht, um Ihnen Zeit zurückzugeben. Die Waschmaschine löschte einen ganzen Arbeitstag aus dem Kalender. Die E-Mail überquert den Planeten in einer Sekunde. Der Geschirrspüler, das Auto, die Suchmaschine, die in einem Augenblick beantwortet, wofür man früher eine Woche in einer Bibliothek gebraucht hätte. Nach jedem messbaren Maßstab müssten Sie mehr freie Zeit haben als jeder Mensch, der je gelebt hat.

Und trotzdem haben Sie das Gefühl, weniger Zeit zu haben. Also die naheliegende Frage: Wo ist die ganze gesparte Zeit hin? Die Maschinen kamen, genau wie versprochen. Die freie Zeit kam nie. Irgendetwas nimmt sie – es steht zwischen Ihnen und den Stunden, die Ihnen diese Maschinen eigentlich zurückgeben sollten.

Die kurze, unbequeme Antwort lautet: Das Gefühl, ständig beschäftigt zu sein, ist kein persönliches Versagen und kein schlechtes Zeitmanagement. Es wurde gemacht – historisch, systematisch, von einer Wirtschaft, die darauf angewiesen ist, dass Sie sich gehetzt fühlen. Vier Denker haben genau beschrieben, wie das geschah. Einer von ihnen sah alles schon vor über fünfzig Jahren kommen.

Staffan Linder: Reichtum kauft keine Zeit

Der schwedische Ökonom Staffan Linder schrieb 1970, auf dem Höhepunkt des Nachkriegsbooms, als der ganze Westen glaubte, in ein goldenes Zeitalter der Muße zu spazieren. Die Fabriken produzierten mehr denn je, die Löhne stiegen, und praktisch jeder Ökonom seiner Zeit zog denselben bequemen Schluss: Wohlstand werde uns Zeit kaufen. Je reicher eine Gesellschaft, desto entspannter ihre Bürger.

Linder sah dieselben Zahlen und sagte das Gegenteil voraus. Sein Argument, in einem Satz: Wird eine Gesellschaft reicher, dann wird jede einzelne Stunde mehr wert. Je mehr Sie in einer Stunde verdienen, kaufen, konsumieren können, desto teurer fühlt es sich an, diese Stunde zu vergeuden. Zeit wird zur knappsten Ware überhaupt – denn Güter lassen sich vermehren, Stunden nicht. So wurde die Welt reicher an Dingen und ärmer an Zeit. Und die freie Zeit hört auf, frei zu sein: Sie wird zu etwas, das man optimieren, füllen, sinnvoll „ausgeben" muss, weil eine leere Stunde sich anfühlt wie liegen gelassenes Geld.

Ein gehetztes Mitglied der Freizeitklasse – gehetzt inmitten des Überflusses.

Staffan B. Linder, „The Harried Leisure Class", 1970

Das schrieb er 1970. Er beschrieb Sie.

Hartmut Rosa: der abschüssige Hang

Linder sagte voraus, dass Zeit knapp würde. Warum sie sich jedes Jahr knapper anfühlt, erklärte 35 Jahre später der deutsche Soziologe Hartmut Rosa in seinem Werk über die Beschleunigung. Seine Pointe ist verstörender als das naheliegende „Wir haben eben mehr zu tun": Ausgerechnet die Maschinen, die Zeit sparen, sind die Ursache des Mangels.

Der Mechanismus, in einfachen Worten: Eine neue Technik macht eine Aufgabe schneller. Ein Brief brauchte einen Tag zum Versand und eine Woche für die Antwort – die E-Mail macht es augenblicklich. Man müsste meinen, damit sei Zeit gespart. Aber die Geschwindigkeit senkt nicht die Last, sie hebt die Erwartung. Weil E-Mail sofort geht, sollen Sie jetzt fünfzig Nachrichten beantworten statt fünf. Je schneller das Werkzeug, desto höher die Messlatte dessen, was als normal gilt. Die gesparte Zeit ist verschluckt, kaum dass sie auftaucht.

Rosa fand dafür ein Bild, das den ganzen Zustand einfängt: Wir stehen auf abschüssigen Hängen. Der Boden selbst rutscht unter Ihnen nach hinten weg, sodass Rennen mit voller Kraft Sie nur auf der Stelle hält. Halten Sie für einen Moment inne – ignorieren Sie die Mails, treten Sie eine Woche zurück – und Sie stehen nicht still, Sie fallen zurück. Das Laufband hat keinen Aus-Knopf, weil das Laufband die ganze Gesellschaft ist, die sich gleichzeitig bewegt. Jedes zeitsparende Gerät ist zugleich ein messlatten-hebendes Gerät. Deshalb haben Geschirrspüler und Smartphone die Muße nie geliefert, die sie versprachen. Sie konnten es nie.

Jonathan Crary: der Schlaf als letztes Refugium

Wenn eine ganze Gesellschaft so beschleunigt, bleibt am Ende nur noch eine Grenze. Der amerikanische Kulturtheoretiker Jonathan Crary widmete ihr 2013 ein schmales, schonungsloses Buch: den Schlaf. Für etwa ein Drittel Ihres Lebens sind Sie unerreichbar. Sie kaufen nichts, produzieren nichts, klicken nichts. In einer Ökonomie, die rund um die Uhr läuft, ist Schlaf der letzte Akt reinen Widerstands im menschlichen Körper – nicht aus Absicht, einfach von Natur aus.

Genau deshalb, so Crary, steht er unter Beschuss. Er beschreibt eine Welt ohne natürliche Pausen, ohne Feierabend, ohne Nacht – einen Zustand ununterbrochenen Funktionierens, den er auf den Namen brachte, der geblieben ist: 24/7. Die alten Rhythmen, die menschliche Zeit einst teilten – Arbeit und Ruhe, Tag und Nacht, Werktag und Fest – sind zu einem einzigen, gleichförmigen Strom flachgewalzt. Und in dieser Welt wird Schlaf zum Vergehen.

Schlaf ist die Vorstellung eines menschlichen Bedürfnisses, einer Zeitspanne, die sich nicht kolonisieren und an die Maschine der Profitabilität anschließen lässt.

Jonathan Crary, „24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus", 2013

Vor hundert Jahren schlief der Durchschnittsmensch rund zehn Stunden, vor einer Generation acht, heute eher sechseinhalb. Das Territorium wird Stunde um Stunde erodiert. Und eine neue Moral erzwingt es – die leise Regel, die Ruhe als Schwäche behandelt: Sleep when you're dead. Rise and grind. Das ist keine Motivation, das ist die Endstufe eines jahrhundertelangen Prozesses.

Josef Pieper: Muße ist nicht der freie Samstag

Gab es je eine andere Art, in der Zeit zu leben? Ja. Und sie trägt einen Namen, den kaum noch jemand richtig verwendet. Der deutsche Philosoph Josef Pieper veröffentlichte 1948, in einem Land in Trümmern, ein kleines Buch für genau das, wofür die Nachkriegswelt am wenigsten Sinn hatte: die Muße.

Was wir heute unter Muße verstehen – das Wochenende, den freien Tag, die Erholung, die uns montags wieder arbeitsfähig macht –, ist für Pieper gar keine Muße. Es ist bloß ein Teil der Maschine, eine Pause in der Arbeit, die der Arbeit dient. Ihr Wochenende ist nicht das Gegenteil Ihres Jobs, sondern ein Bestandteil davon: das Wartungsfenster, das Aufladen, damit Sie wieder produktiv sein können.

Muße ist nicht die Haltung dessen, der eingreift, sondern dessen, der sich auftut; nicht dessen, der zupackt, sondern dessen, der loslässt.

Josef Pieper, „Muße und Kult", 1948

Echte Muße meint etwas, wofür die moderne Welt fast keinen Raum mehr hat: einen Zustand, in dem Sie aufhören, überhaupt etwas erreichen zu wollen. Nicht Ruhe, um zu arbeiten. Nicht Selbstoptimierung. Einfach das Betrachten einer Sache um ihrer selbst willen. Pieper diagnostiziert auch, warum wir das nicht mehr können: Der moderne Mensch misstraut allem Mühelosen; er kann nur mit gutem Gewissen genießen, was er sich mit Mühe erworben hat. Ein Nachmittag, der nichts hervorbrachte, nichts verbesserte, nichts einbrachte, fühlt sich für ihn an wie ein verschwendeter Nachmittag. Und genau dieses Gefühl, sagt Pieper, ist die Krankheit – nicht die Heilung.

Und jetzt: die künstliche Intelligenz

Hier wird es für mich beruflich unbequem, also sage ich es offen. Gerade kommt die stärkste zeitsparende Maschine der Geschichte auf den Markt: künstliche Intelligenz. Ein Bericht, der eine Woche brauchte, entsteht in einer Stunde. Eine Analyse, ein Entwurf, eine Recherche – Dinge, die Teams beschäftigten, dauern plötzlich Minuten. Nach Linders und Rosas Logik ist absehbar, was als Nächstes passiert: Die Messlatte steigt wieder. Wer den Bericht in einer Stunde schreiben kann, von dem erwartet man bald zehn. Der abschüssige Hang wird nicht flacher, er wird schneller.

KI kann also mühelos zur nächsten Stufe der Beschleunigung werden – zum Werkzeug, das nicht Zeit zurückgibt, sondern nur das Tempo erhöht. Aber das ist keine Naturgesetzlichkeit. Es ist eine Entscheidung. Dieselbe Technik kann auch das Gegenteil tun: stumpfe, wiederkehrende Arbeit übernehmen, damit ein Mensch tatsächlich eine Stunde frei bekommt – nicht als Wartungsfenster, sondern als Piepers leere, wertvolle Stunde.

Ob KI ein weiterer Messlatten-Heber wird oder ein echter Zeit-Zurückgeber, entscheidet nicht die Technik. Das entscheidet, wer sie einsetzt – und mit welcher Absicht. Genau darum geht es in meiner Arbeit: KI-Produkte so zu entwickeln, dass sie Menschen Arbeit abnehmen, statt ihnen nur ein höheres Tempo aufzuzwingen. Automatisierung ist erst dann ein Gewinn, wenn die gesparte Zeit auch beim Menschen ankommt.

„Beschäftigt" ist kein Zustand mehr, sondern eine Vorführung

Fassen wir das Argument unter allen vieren zusammen. Das Gefühl, ständig beschäftigt zu sein, ist kein Fehler in Ihrer Tagesplanung. Es wurde hergestellt. Eine Wirtschaft, die wächst, indem sie jede Stunde wertvoller macht, braucht Sie so: dass Sie Zeit als knapp erleben, jede Lücke füllen, sich in der Stille schuldig und in der Erschöpfung tugendhaft fühlen. Denn ein Mensch, der mit einem leeren Nachmittag im Reinen ist, ist ein Mensch, der aufgehört hat, den Hang hinaufzurennen. Ihre Geschäftigkeit dient nicht Ihnen. Sie dienen ihr.

Wenn Sie das nächste Mal jemand fragt, wie es Ihnen geht, und dieses eine Wort aufsteigt, bevor Sie überhaupt nachgedacht haben – beschäftigt –, dann halten Sie für eine Sekunde inne und bemerken Sie, dass man Ihnen beigebracht hat, es zu sagen. Dass „beschäftigt sein" irgendwann aufhörte, etwas zu sein, das Ihnen passiert, und anfing, etwas zu sein, das Sie aufführen: ein Abzeichen, ein Beweis, dass Ihre Stunden etwas wert sind.

Die Uhr an der Wand kam nicht mit Ihnen zur Welt. Sie wurden ohne sie geboren. Und die Stunden, die sie heute in Aufgaben und Fristen und überfällige Antworten zerteilt, waren einmal einfach Ihr Leben – vergehend im Tempo eines Menschen und ganz und gar Ihnen gehörend.

Quellen & weiterführende Literatur

  • Staffan B. Linder: The Harried Leisure Class. Columbia University Press, 1970.
  • Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Suhrkamp, 2005.
  • Jonathan Crary: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus. Wagenbach, 2014 (engl. Original 2013).
  • Josef Pieper: Muße und Kult. Kösel, 1948.