Was passiert ist
Am 15. September 2026 hat das österreichische Tech-Medium brutkasten berichtet: Die Viessmann Generations Group baut gemeinsam mit iteratec ein Multi-Agenten-System für das Deal-Screening im Investmentprozess. Nach dem Verkauf des Heizungsgeschäfts an Carrier für zwölf Milliarden Euro hat sich das Familienunternehmen zu einer breit aufgestellten Investmentholding entwickelt. Jetzt geht es darum, die Qualität von Investmententscheidungen zu verbessern. Alexander Pöllmann, Director IT & Digital bei Viessmann, und Michael Maier, Director Austria bei iteratec, erklären im Interview, dass mehrere spezialisierte KI-Agenten zusammenarbeiten sollen. Ziel: potenzielle Beteiligungen schneller und systematischer bewerten.
Konkrete technische Details sind noch rar. Aber die Richtung ist klar: Statt eines einzelnen großen Modells kommen mehrere Agenten zum Einsatz, die Teilaufgaben übernehmen. Typisches Muster: Ein Agent extrahiert Finanzkennzahlen aus Jahresabschlüssen. Ein anderer prüft Markt- und Wettbewerbsdaten. Ein dritter gleicht mit dem eigenen Investmentkriterienkatalog ab. Ein vierter erstellt die Entscheidungsvorlage. Das ist keine Science-Fiction. Das ist orchestrierte Automatisierung.
Warum das jetzt für Finanz-KMU zählt
Ich beobachte seit zwei Jahren, wie Family Offices, M&A-Boutiquen und kleinere PE-Fonds mit dem Thema KI hadern. Viele haben Pilotprojekte für Marketingtexte oder E-Mail-Zusammenfassungen gestartet. Aber im Kernprozess, bei der Bewertung von Unternehmen, dominiert immer noch Excel, PDF und manuelle Recherche. Genau dort liegt der Hebel.
Der Fall Viessmann zeigt: Wer langfristig investiert, kann sich im Deal-Flow einen echten Vorteil verschaffen, wenn er die Bewertung systematisiert. Ein Multi-Agenten-System ist nichts anderes als eine digitale Analystenstaffel. Jeder Agent ist auf eine Aufgabe spezialisiert. Zusammen liefern sie schneller eine belastbare Basis für die Entscheidung. Das ist kein Ersatz für den Investmentmanager. Aber es reduziert Blindflug und Zeitverlust.
Für kleinere Finanzdienstleister heißt das nicht: Jetzt sofort ein Multi-Agenten-System kaufen. Das wäre falsch verstanden. Viessmann hat Ressourcen und einen langen Atem. Aber die Prinzipien sind übertragbar: Zerlegen Sie den Investmentprozess in Teilaufgaben. Finden Sie die Stellen, an denen Daten unstrukturiert ankommen und manuell aufbereitet werden. Genau dort kann ein einzelner Agent bereits messbar Zeit sparen.
Aus meiner Sicht ist das der wichtigste Punkt: Nicht die Anzahl der Agenten entscheidet, sondern die Qualität der Aufgabenverteilung. Ein schlecht orchestriertes Multi-Agenten-System produziert mehr Overhead als Nutzen. Ein sauber definierter Einzelagent für Finanzkennzahlen-Extraktion kann in einer Woche produktiv sein. Häufiges Muster in meiner Beratung: Kunden wollen sofort den großen Wurf, scheitern an Datenqualität und Integration. Dann landen sie bei einem teuren Proof of Concept ohne Produktivnutzen.
Klassisches Screening heißt: Analysten laden PDFs herunter, lesen Geschäftsberichte, kopieren Zahlen in Excel, vergleichen mit Benchmarks. Das dauert pro Deal oft mehrere Tage. Ein Multi-Agenten-System kann diese Vorprüfung auf Stunden reduzieren. Aber Achtung: Die Qualität der Extraktion hängt an der Datenqualität. Wenn die Jahresabschlüsse gescannt oder uneinheitlich sind, braucht es Vorverarbeitung. Hier scheitern viele Projekte.
Ein bekanntes Problem: LLMs halluzinieren bei Zahlen. Deshalb muss jeder extrahierte Wert mit einer Quellenangabe versehen sein. Der Agent liefert nicht nur die Zahl, sondern auch die Fundstelle. Ohne diese Rückverfolgbarkeit ist das System für Investmententscheidungen unbrauchbar. Für regulierte Finanzdienstleister gelten zusätzlich DORA und die EU-KI-Verordnung. Wer solche Systeme im Investmentprozess einsetzt, muss Nachvollziehbarkeit und menschliche Aufsicht dokumentieren. Das ist kein Grund, es zu lassen. Aber es ist ein Grund, sauber zu designen.
Konkrete Handlungsempfehlung
Mein Rat für Family Offices, M&A-Boutiquen und Corporate-Finance-Teams im Mittelstand: Gehen Sie in drei Schritten vor.
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Inventarisieren Sie Ihre Deal-Screening-Pipeline. Nehmen Sie die letzten fünf Beteiligungsprüfungen. Listen Sie auf, welche Schritte wiederkehrend sind: Erfassung von Firmenprofilen, Extraktion von Umsatz, EBITDA, Cashflow, Bewertungsmultiples, Prüfung von Branchenrisiken, Abgleich mit Ihren Kriterien. Markieren Sie, wo heute manuell kopiert, verglichen oder recherchiert wird.
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Starten Sie mit einem einzigen Agenten für einen klar abgegrenzten Schritt. Beispiel: Ein Agent liest Jahresabschlüsse, Investorenpräsentationen oder Datenrauminhalte und liefert strukturierte Finanzkennzahlen als JSON oder Tabelle. Das ist kein Hexenwerk. Mit aktuellen Modellen und sauberen Prompts erreichen Sie Extraktionsgenauigkeiten, die für eine Vorprüfung ausreichen. Wichtig: Der Agent ersetzt nicht die Plausibilisierung. Er bereitet vor.
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Bauen Sie menschliche Review-Schleifen ein. Ein KI-Agent darf Empfehlungen geben, aber keine autonome Investmententscheidung treffen. Bei regulierten Finanzdienstleistern ist das ohnehin Pflicht. Auch bei nicht regulierten Family Offices gilt: Jede KI-basierte Bewertung braucht einen Verantwortlichen, der sie nachvollziehen und dokumentieren kann. Die EU-KI-Verordnung stuft solche Systeme im Finanzbereich als Hochrisiko ein. Wer das ignoriert, riskiert später Ärger.
Erst wenn der erste Agent stabil läuft, lohnt es sich über Orchestrierung nachzudenken. Ein zweiter Agent für Marktdaten, ein dritter für den Kriterienabgleich. Aber Vorsicht: Jeder zusätzliche Agent erhöht die Komplexität exponentiell. Viessmann startet nicht zufällig mit einem Partner wie iteratec. Wer keine eigene KI-Expertise hat, holt sich Unterstützung. Ein guter erster Schritt ist ein zweitägiger Workshop, in dem Sie Ihre Pipeline auf Automatisierungspotenzial prüfen.
Der Viessmann-Fall ist eine Blaupause. Nicht wegen der Agentenanzahl. Sondern weil ein großer Investor KI in den Kernprozess holt. Wer im Deal-Screening schneller und systematischer ist, sieht mehr Deals, prüft gründlicher und entscheidet besser. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, der sich in ein bis zwei Jahren in konkreten Renditen zeigt.
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Die Modelle sind gut genug. Die Werkzeuge sind da. Was fehlt, ist die disziplinierte Umsetzung in den Finanz-KMU. Ich rate Ihnen: Fangen Sie klein an, aber fangen Sie im Kernprozess an. Nicht in der Marketingabteilung.