Diese Woche hat Anthropic seinen lange erwarteten Börsengang angekündigt. Financial-Times-Autor Richard Waters beschreibt in einem viel beachteten Kommentar, warum sich dieser Schritt für viele Beobachter merkwürdig anfühlt. Golem hat den Text als Leseempfehlung aufgegriffen. Ich nehme das zum Anlass, um zu erklären, warum das Thema für Finanzprofis in DACH relevanter ist, als es auf den ersten Blick scheint.
Was passiert ist
Anthropic, Anbieter von Claude, plant den Börsengang. Das Unternehmen wurde 2021 gegründet und hat sich als einer der führenden Anbieter von großen Sprachmodellen etabliert. Zuletzt wurde Anthropic mit über 60 Milliarden US-Dollar bewertet. Der IPO soll wahrscheinlich noch in diesem Jahr stattfinden. Richard Waters von der Financial Times fragt, warum sich der Börsengang so merkwürdig anfühlt. Die Gründe: hohe Bewertung bei gleichzeitig hohen Verlusten, massive Kapitalintensität durch Rechenzentren, Abhängigkeit von Cloud-Partnern wie Amazon und Google, und eine ungewöhnliche Governance-Struktur als Public Benefit Corporation mit einem Long-Term Benefit Trust.
Genau diese Punkte machen den Fall für Finanzprofis interessant. Hier treffen die klassischen Bewertungsfragen der Finanzbranche auf die Besonderheiten der KI-Ökonomie.
Warum es jetzt für die Finanzbranche zählt
Aus meiner Sicht sind drei Gruppen direkt betroffen: Asset-Manager und Investoren, Corporate-Finance- und M&A-Teams sowie Finanzinstitute, die Claude oder vergleichbare Modelle im Betrieb einsetzen.
Für Asset-Manager und VC/PE
Der IPO von Anthropic liefert einen öffentlichen Preismechanismus für ein führendes KI-Unternehmen. Bisher waren Bewertungen von KI-Startups oft das Ergebnis privater Finanzierungsrunden mit strategischen Investoren. Diese Preise sind verzerrt, weil Cloud-Anbieter wie Amazon oder Google nicht nur Rendite, sondern auch den Absatz ihrer eigenen Infrastruktur im Blick haben. Ein Börsengang zwingt den Markt, sich auf eine Bewertung zu einigen, die auf öffentlichen Zahlen, Quartalsberichten und Analystenschätzungen basiert. Für Asset-Manager, die in KI-ETFs, Themenfonds oder direkt in Technologiewerte investieren, wird Anthropic zu einer wichtigen Benchmark. Für VC/PE-Fonds, die in europäische KI-Startups investieren, ändert sich der Referenzrahmen. Wenn der Markt Anthropic mit einem bestimmten Vielfachen von Umsatz oder einem Abschlag auf Wachstum bewertet, können Fonds diese Kennzahl auf ihre Portfoliounternehmen übertragen. Das ist praktisch, aber auch riskant: Anthropic ist ein Extremfall, kein Durchschnittsfall.
Typisches Muster: Private Investoren nutzen den höchsten verfügbaren Vergleichswert, um ihre eigenen Bewertungen zu rechtfertigen. Genau das führt zu Überbewertungen in späteren Runden. Mein Rat: Nutzen Sie den IPO nicht als einfache Multiplikator-Quelle, sondern als Stress-Test für Ihre eigenen Annahmen zu Kapitalintensität, Kundenbindung und Regulierungsrisiken.
Für Corporate Finance und M&A
Wenn Sie als Finanzleiter oder M&A-Berater ein KI-Unternehmen kaufen oder verkaufen, ist der Anthropic-IPO ein Datum, das Sie in Ihre Bewertungsmodelle einarbeiten sollten. Die Skepsis, die Richard Waters beschreibt, ist kein Störfeuer, sondern ein Hinweis auf strukturelle Probleme: KI-Modelle sind teuer im Betrieb, die Differenzierung zwischen Anbietern schmilzt, und die Abhängigkeit von wenigen großen Cloud-Partnern ist ein Klumpenrisiko. Wer ein KI-Startup mit dem Argument „Die Bewertung ist gerechtfertigt, weil Anthropic ja auch so hoch bewertet ist“ verkaufen will, sollte sich auf kritische Nachfragen der Käufer einstellen. Umgekehrt können Käufer den IPO als Argument nutzen, um Preisabschläge zu verhandeln, wenn das Zielunternehmen nicht über eine vergleichbare Kapitalausstattung oder einen ähnlichen Zugang zu Rechenleistung verfügt.
Für Finanzinstitute, die Claude einsetzen
Viele Banken, Vermögensverwalter und Zahlungsdienstleister in DACH nutzen Claude für Dokumentenanalyse, Research oder interne Assistenz. Ein Börsengang ändert die Risikobewertung dieses Lieferanten. Bisher war Anthropic ein Startup mit strategischen Investoren. Nach dem IPO unterliegt das Unternehmen strengeren Berichtspflichten, aber auch dem Druck öffentlicher Aktionäre. Das kann Folgendes bedeuten: Preiserhöhungen, um Margen zu verbessern, Änderungen am Produktportfolio, um Umsatz zu steigern, oder strategische Entscheidungen, die weniger auf Langfristigkeit als auf Quartalszahlen ausgerichtet sind. Aus Sicht des DORA-Managements von IKT-Drittparteirisiken ist ein börsennotierter Anbieter nicht automatisch sicherer. Im Gegenteil: Die Transparenz steigt, aber die strategische Stabilität kann abnehmen, wenn der Aktienkurs stark schwankt.
Konkrete Handlungsempfehlung
-
Prüfen Sie Ihre Abhängigkeit von Anthropic-Modellen. Erstellen Sie eine Liste aller Anwendungen, die Claude oder darauf basierende APIs nutzen. Bewerten Sie, wie schnell Sie auf einen anderen Anbieter wechseln könnten, ohne dass Ihre Prozesse zusammenbrechen. Dokumentieren Sie Exit-Optionen. Das ist keine theoretische Übung, sondern Teil der DORA-Anforderungen ab 2025.
-
Entwickeln Sie für KI-Investments oder Übernahmen ein eigenes Bewertungsraster, das nicht auf dem höchsten Marktpreis basiert. Orientieren Sie sich an Kennzahlen wie Kundenkonzentration, Vertragslaufzeiten, Bruttomarge nach Cloud-Kosten und Regulierungsrisiko. Der Anthropic-IPO liefert Ihnen einen öffentlichen Datenpunkt, aber keine Blaupause.
-
Wenn Sie als Asset-Manager oder Family Office in KI-Werte investieren, behandeln Sie den Börsengang als Signal für eine Marktphase, in der Fundamentaldaten wieder wichtiger werden. Der Hype um KI-Bewertungen wird nicht ewig tragen. Wer jetzt in KI-Aktien investiert, sollte eine klare Vorstellung davon haben, wie das Unternehmen in fünf Jahren Geld verdient, nicht nur wie viele GPUs es kaufen kann.
Fazit
Das seltsame Gefühl, das Richard Waters beschreibt, ist berechtigt. Anthropic ist ein beeindruckendes Unternehmen mit einer starken Technologie. Aber der Börsengang legt offen, wie schwierig es ist, ein Geschäftsmodell zu bewerten, das auf massiven Vorabinvestitionen und noch unklarer Monetarisierung basiert. Für die Finanzbranche in DACH ist das kein abstraktes Thema. Es betrifft Bewertungsmodelle, Lieferantenrisiken und Anlagestrategien gleichermaßen. Mein Rat: Nehmen Sie die Skepsis ernst, aber nutzen Sie sie konstruktiv. Der IPO ist eine Einladung, Ihre eigenen Annahmen zu überprüfen, nicht blind zu übernehmen.